Filmproduktion – zwischen Kaffeesatz und Konferenz – aus dem Leben eines Praktikanten

Filmproduktion ruft – Montag, 1. Februar, 7:25 Uhr. Ein grelles, lautes Piepen reißt mich aus dem Schlaf. Aus der Traum. Von Bikinischönheiten, die ein Erdnussbutter-Sandwich schmieren und vom Luxus ausschlafen zu können. Denn ab heute heißt es: Praktikum! Mit halbverquollenen Augen tapse ich, mit 26 Jahren in der Blüte meines Lebens, in die Küche und stelle die Kaffeemaschine an. Die nächsten Wochen werde ich wohl für mehr Leute Kaffee kochen, dachte ich mir. Dabei dem Fotokopierer engagiert und hoch motiviert die Sporen geben, meterlange Kabel verlegen, oder Kameraleuten die schweren Equipment-Taschen hinterhertragen. Für drei Monate begebe ich mich nun in jenes Arbeitsverhältnis, welches der antiken Sklavenarbeit wohl am nächsten kommt.

filmproduktion Praktikant bei tv-connexion

Brainstorming

Doch als Mitte Zwanzigjähriger, der einen Bachelorabschluss in den, vor allem auf dem Arbeitsmarkt, sehr begehrten Fächern Germanistik und Geschichte hat, bleibt vorerst nur der Sprung von Praktikum zu Praktikum. Dieses Wort fasst das Schicksal einer ganzen Generation zusammen. Denn wo der Weg hinführen soll, weiß keiner so recht. Irgendwas mit Medien, das wäre gut. Auf der Suche nach dem Sinn des Arbeitslebens, sozusagen.

Mich hat es zu einer Filmproduktion verschlagen, zur tv-connexion GmbH mit Hauptsitz in Berlin. Seit zehn Jahren existiert das Unternehmen bereits. Kerngebiet ist, neben Beiträgen und Reportagen für öffentlich-rechtliche Sender, (NDR, WDR, RBB und Weitere) auch Filme für Privatsender (Sat.1, RTL,  Pro7 und Weitere). Als „zweite Säule“ kümmert sich die „Unit“ film-connexion Filmproduktion um die Bereiche Imagefilm, Eventvideo, Produktvideo, 3D Animation und Erklärvideo.

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Themenfindung

Von Westend über Grunewald, hat es das Unternehmen nach Zehlendorf gebracht. Entgegen dem Trend der Medienbranche in Berlin nach Mitte oder Friedrichshain zu ziehen, ist die „connexion“ im alten Westberlin geblieben, dort wo die Stadt noch nach Zigaretten und Schultheiss riecht, statt nach süßlichem Gras und Wein aus Nepal. Ein – in meinen Augen – sympathischer Weg. Denn in den überhypeten Vierteln sind nicht nur Parkplätze, sondern oft auch Menschlichkeit knapp. Mein Arbeitsbereich ist die Redaktion. Ein bekanntes Feld für mich, habe ich doch schon vorige Praktika und Nebenjobs vor Bildschirmen und den unendlichen Weiten des Internets verbracht.

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Recherche

Meine Kollegin und direkte Vorgesetzte, an dieser Stelle nur „General “ genannt (Ihre offizielle Bezeichnung ist CvD, was Chef vom Dienst heißt, oder genderrichtig, Chefin vom Dienst), gab mir dann auch bereits am ersten Tag wichtige Aufgaben. Uff. Ich war geschockt. Am ersten Tag. Wichtige Aufgaben. Als Praktikant. Das ist doch hier ein Praktikum oder?! Dass muss ein Irrtum sein. Na gut dachte ich, dann mal ran an den Speck. Viele schwören ja auf das sprichwörtliche „kalte Wasser“, in das man einen neuen Mitarbeiter gerne schmeißt.

Ich habe bisher jedoch immer die lauwarme Dusche am Morgen bevorzugt. Selten habe ich mich so geirrt! Die Wochen vergingen und das Praktikum verlief nicht so, wie ich mir das vorgestellt hatte. Man behandelte mich fast wie einen normalen Angestellten. Ich steuerte Ideen für Reportagen und Beiträge bei, formulierte diese Ideen aus und übergab sie dem General. Ich unterstütze das Team auf Drehs, checkte dort Drehpläne, hielt Protagonisten bei Laune und unterstützte die Redakteure bei ihrer Arbeit.

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Integration

Auch bei der sogenannten Postproduktion einer Filmproduktion konnte ich Cuttern und Autoren über die Schulter schauen. Ich wurde quasi ins alltägliche Arbeitsleben fest eingebunden. Man war freundlich zu mir, fragte nach meiner Meinung und lobte mich sogar. Selbst der General, immer auf Disziplin und Präzision fokussiert, würdigte meine Arbeit und gab mir viele hilfreiche Tipps. Dies hinterließ gemischte Gefühle bei mir. Einerseits freute ich mich über so viel Eigenverantwortung, andererseits war ich darauf nicht unbedingt vorbereitet. Das kalte Wasser, da war es wieder. Ich war froh, als man mich hin und wieder spüren ließ, dass ich (noch) am unteren Ende der Nahrungskette stehe. Dann überließ man mir nur die Krümel vom Kuchen oder den letzten Löffel der Suppe.

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Sozialkontakte

Allerdings durfte ich überall dabei sein, wo auch gestandene Redakteure, Cutter, Kameraleute und Chefs waren. Selbst am gemeinsamen Mittagstisch war ein kleines Plätzchen für mich übrig. Und die Kollegen und Chefs teilten, wie selbstverständlich, ihre Teller mit mir. Bevor ich meinen Dienst bei der Filmproduktion angetreten habe, nahm ich mir vor besonders auf zwei Feldern zu glänzen: Kopieren und Kaffee kochen. Gemeinsam mit Freunden trainierte ich mehrere Wochen für diese Königsdisziplinen – Königsdisziplinen eines jeden Praktikanten, quasi der moderne Zweikampf der Büro-Olympiade.

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Traumwelt

Doch auch hier: Enttäuschung auf ganzer Linie. Jeder kümmert sich selbst darum. Unfassbar: Selbst die beiden Geschäftsführer kopieren ihre Materialien eigenständig, oder kochen Kaffee für das Team. Na, ja – ganz so war es nicht: Denn die Kaffeemaschine produziert Cappuccino oder Latte Macchiato automatisch auf Knopfdruck. Manche mögen das als modernen Arbeitsalltag bezeichnen, ich sehe darin die endgültige Entmündigung des Praktikanten. Das Ende des Abendlandes, ohne Hoffnungsschimmer am Horizont.

Eine gewisse Leere machte sich so Tag ein Tag aus in mir breit. Warum hatte ich mich wochenlang auf die wichtigen Dinge des Arbeitsalltags vorbereitet, hart trainiert? Hier muss ich dann auch eine deutliche Kritik an den General und die Unternehmensführung richten, die mein Weltbild des mündigen Praktikanten in Schutt und Asche gelegt haben!

„Nun sitz ich hier, ich armer Tor und bin so klug als wie zuvor“, heißt es etwas abgewandelt in Goethes Faust. Das trifft auf meine bisherige Zeit als Praktikant nicht zu. Ob nun das Produzieren von Arbeitsschutzfilmen oder die Recherche nach Protagonisten für TV-Reportagen: Ich habe einiges gelernt! Vor allem, dass die gültigen Praktikantenklischees hier nicht gelten. Das alles werde ich zu meinen künftigen Praktika, die Reise geht weiter, mitnehmen.

Und den Kaffee koche ich übrigens weiterhin für mich alleine. Tim Haas, Praktikant